Warum Sie sich ans Hörgerät erst mal gewöhnen müssen

Mit den Hörgeräten ist es so eine Sache, möchte man meinen. Menschen mit nachlassendem Hörvermögen (oder gar fortgeschrittener Schwerhörigkeit) wünschen sich nichts sehnlicher als wieder richtig gut hören zu können, endlich wieder Spaß zu haben an sozialen Kontakten, an der Geselligkeit unter Freunden. Sie gehen zum Hörakustiker, werden kompetent beraten und bekommen Hörgeräte, die exakt zu ihren Wünschen passen. So weit, so gut. Neue Hörgeräte, neues Sprachverstehen, neue Lebensqualität. Und dennoch passiert manchmal etwas völlig Überraschendes.

Denn trotz umfassender Aufklärung und wiederholten Hinweisen, geht es in der Anfangseuphorie gerne mal unter, dass der Mensch nun mal ein Mensch ist, und keine Maschine. Und so passiert es immer wieder mal, dass die neuen Hörsysteme schon nach wenigen Tagen liegen bleiben, in der Ladeschale, auf dem Nachttisch. Manchmal aus Versehen; oder eben nicht. „Bringt ja eh nichts“, hört man dann, und „Irgendwie funktionieren die nicht.“ Menschen und Technik passen einfach nicht zusammen? Ein vorschnelles Urteil. „Gut Ding will Weile“ trifft es wohl eher, wie wir Hörakustiker aus Erfahrung wissen. Geduld ist gefragt.

Jedes eingeschränkte Gehör ist immer auch ein entwöhntes Gehör. Häufig beginnt diese Entwöhnung in den höheren Tonlagen, die dann nicht mehr wahrgenommen und insofern auch nicht mehr an das Gehirn weitergeleitet und dort neurologisch verarbeitet werden. Kommt plötzlich ein Hörsystem unterstützend hinzu, muss unser Gehör, unser interner Hörapparat erst wieder lernen diese hohen Töne als neue Hör- und Sinneseindrücke zu verarbeiten – und dieses Verarbeiten zu trainierten. Warum ist das so? Weil wir uns im Ganzen unaufhörlich verändern. Weil wir wachsen. Unsere Ohren, unser Gehör sind Teil unseres Körpers; sie wachsen und verändern sich mit uns – ein Leben lang. Vergleichen Sie nur einmal zwischen kleinen Babyohren und den Ohren von Erwachsenen.

Ein Forschungsprojekt an der Universität Leipzig hat hierzu aufschlussreiche Ergebnisse geliefert. Ziel einer Studie war es, den Zusammenhang zwischen Ohrenform und Hörvermögen zu erforschen. Da die Form und Größe unserer Ohren maßgeblich dazu beitragen, dass wir akustische Signale mit den Ohren „einfangen“ – auch wie er von dort ins Innenohr reflektiert wird, hat man die Ausformung der Ohrmuschel bei Probanden testweise mit winzigen, aufgebrachten Silikonlinsen geringfügig verändert. Infolgedessen war es den Testpersonen unmöglich, akustische Signalquellen räumlich zuzuordnen. So konnte nicht nur nachgewiesen werden, dass die Ohrenform die Qualität der akustischen Reflektion beeinflusst. Dadurch, dass die verschiedenen Testreihen über längere Zeit angelegt waren, kam auch zu Tage, dass sich das Hörvermögen der Probanden immer weiter verbesserte, bis sie schließlich wieder genauso gut hören konnten, wie zuvor. Das Gehirn hatte sich im Laufe der Tage und Wochen an die neue Qualität der akustischen Signale, die das Innenohr erreichten, gewöhnen können.

Fazit: Man lernt nie aus. Allerdings ist es an jedem selbst, dem Gehirn die nötige Zeit dafür zuzugestehen. Mit etwas Geduld ist die Phase der Hörgeräte-Gewöhnung schon bald vergessen; richtig gutes Hören & Verstehen ist der Lohn.

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